Die Abende lösen sich in Luft auf, die Morgende im Nebel. Ich trete auf meinen Balkon, den ich nicht habe und mache Pläne, die es nicht gibt, weil Zukunft so ein großes Wort

ist.

Wo war ich, wie trieb es mich her, wann wird endlich gestern wieder morgen sein? Weil Zukunft so ein großes Wort ist. Weil ja, weil nichts mehr ist, wie es war. Wir Menschen verlieren und an Orte fliehen, die uns fremd. Wir uns sehen, wie wir mal waren, tanzend in einer Küche, nicht allein. Wann wird endlich gestern wieder morgen sein?

Wann wird gestern endlich wieder morgen sein? Das Klo ständig besetzt, weil viel zu viel Besuch den Sommer über wie im Winter. Große, kleine Kinder mit ihren Freunden, Verwandte in jeder Ecke der Wohnung eine Matratze, nach Partys auch mal Fremde über Nacht. Und wie wir feierten und wie ich mich oft sehnte.

Nach Ruhe.

Die ist jetzt da. Im Überfluss, und mir wird noch nicht schlecht davon. Aber nicht mehr lange, nicht mehr lange. Und deshalb, wann wird gestern wieder morgen sein? Das Rad zurückgedreht in Endlosschleife. So gehe ich los und greife glücklich nach jedem Moment, der gestern und morgen jetzt vereint. Denke nicht weiter daran, dass gestern morgen sein wird, denn heute ist jetzt der Sonnenaufgang, der komische Vogel im Gebüsch, das flüchtende Reh, die Pfütze aus geschmolzenem Schnee. Ich stehe auf der Brücke und schaue auf das schwarze Wasser und werfe Schnee hinein. Sehe wie er schmilzt und versinkt. Dies ist mein Gestern und mein Morgen. Und ich kann es kaum erwarten, dass der neue Tag wie der alte

graut.

Momentan

Erleben, wie andere leben, wie Leben ist ohne tägliches Einerlei – den Stillstand gecovert mit einem Berg Serienbrei. MUM Staffel 1 am Samstagmorgen, Staffel 2 zum Sonntagskaffee. Dazwischen 4 Blocks und Breaking News, was ist los mit meinem brain juice? Draußen die komplette Lähmung, drinnen nur noch Serienströmung. Auf dem Bildschirm poppen Menschen auf wie Seifenblasen, es ist Winter und draußen mäht nicht mal einer den Rasen. Keine Touris mit klirrenden Bierflaschen, die Rollkoffer rollen und auf dein Fensterbrett aschen. Was war’n das für Zeiten, als das alles live und on air war und jetzt ist das alles nur noch im Stream erlebbar. Das fremde Leben kommt aus der Dose, ansonsten da draußen? Tote Hose. Das nervt, das ätzt und am liebsten wär ich in Neuseeland, weil neulich im Guardian stand, dass die da chillen, kein Corona, Cafés offen und überall grillen. Am Strand liegt man eng wie Ölsardinen. Ach, wie war das schön an der Ostsee, in den Dünen. Überall Fleisch und Blut, das zu erinnern tut gut. Nun hängen wir am Online-Tropf der Fiktionen und zahlen Netflix, Amazon Prime und der GEZ Millionen, dass wir die Lockdown Tristesse um uns herum etwas vergessen. Mein 87-jähriger Vater schaut Rosenheime-Cops ohne Ende, und auch mein Akku-Stromverbrauch spricht Bände. Während ich das schreibe, kriege ich die Warnung. Nur noch 7 Prozent. Was soll ich gleich tun? Keine Ahnung. Geräte zum Glotzen gibt es genug, doch ich bin einfach nur müde und gut.

Bildschirmblödblick

… eine Containerladung Zuversicht, einen Berg voll Nichtzurückschauen, eine Meerlänge Mehrmiteinander, Augentrost nach Bedarf und gebe zum Schluss so viel Lieben wie möglich hinzu, vermenge die Zutaten zu einem geschmeidigen Ganzen und verteile es gleichmäßig in einem Kalender. Dann ruhen lassen bis zum 1. Januar. Guten Appetit!

War Weihnachten schöner?

Dieses Mal: ohne zu viel Alkohol auf Weihnachtsfeiern, klebrig süßem Glühwein im Nieselregen, letzte Einkäufe in überfüllten Läden, ohne Adventsmärkte mit selbstgemachten Basteleien, die man natürlich kauft, aber eigentlich hässlich findet, ohne Krippenspiel mit Kindern, die keine Lust haben, ihren Text zu lernen, ohne die Pflicht, mindestens einen Weihnachtsrummel mit peinlichen Jahresendschlagern aus scheppernden Boxen zu besuchen.

Weihnachten in diesem Jahr: stille Nacht, heilige Nacht. Gottes Sohn online, Geschenke. Bitten um Gesundheit, hoffen auf bessere Zeiten. Gemeinsam einsam oder einsam einsam. Ruhe, manchmal fast unheimlich. Am besten: der Stille lauschen und zuhören. Sonnenaufgang um 8 an einem Ufer erleben oder die Dämmerung um 4 mit einem Spaziergang über Land begleiten.

Das kann schöner sein.

Ohnmächtig, vor Sorgen stumm. Das soll nicht Weihnacht werden. Wo Krankheit lauernd einer Schlange gleich mit gierigem Schlund das Maul aufreißt. Möcht ich es stopfen, ersticken, ersäufen und wieder von vorn! Dass sie freigibt, die sie gepackt, der Liebsten, mein eigen Herz und Blut. Dass gesundet, was verwundet: freudvoll schmecken, riechen, atmen frei, gesund der Zukunft zugewandt. So soll das Jahr sich wenden – und enden.

Im Nebelgrau, grau blühen schönste Blüten im Garten der unerfüllten Träume blau. Sprießen Visionen und erhellen Millionen Feuerwerken gleich Ideen die Nacht auf dem Weg der mir zugedacht. Jetzt find‘ ich mich wieder und denk‘ ich mich neu. Heut‘ greif‘ ich nach den Sternen, ohne dass ich es bereu‘. Im Nebel blühen Blüten, Träume, Mythen, das ganze Arsenal. Bleibt nur sich zu entscheiden – welcher Weg, welche Wahl.

Vorbei. Am jüdischen Friedhof sah ich Arme winken, knorriger Äste schattenhaftes Spiel im Schein der versinkenden Sonne. Nebel türmte sich auf wie Tränengas samstags im Leipziger Irrsinn. Schreie schleuderten die Vergangenheit ans Licht. „Wir sind wieder wer!“ Ja wer, was? Millionen Stimmen werden niemals schweigen. Auch heute. Nicht.

Wir posten Sonnenuntergänge überm See und von Ferien am Meer und – Mist, wir müssten eigentlich viel mehr darüber sagen, was hier wirklich Sache ist. Doch das ist schwer. Wir prahlen mit Schönheit und sehen doch Sterben und wir wissen: Eigentlich ist das alles hier ganz schön beschissen. Nicht nur Rotbauchunke oder Orchideen sind bedroht, es ist ernst, und bald sind wir tot. Staubige Äcker und braune Kiefern, wenn nichts mehr wächst, wer soll dann noch das Essen liefern? Doch als wenn es all das gar nicht gäbe, schnurren die schönen Schnellen mit immer neuen KFZ-Modellen: höher, fetter, Turbosan. Am Abgrund kommt man so auch eher an. Kinder hören 187-Beats und wollen das alles nicht wissen, denn ihre Zukunft scheint ihnen so oder so beschissen. Saufen, kiffen, Tilidin, das ganze Programm, während Greta und die anderen kämpfen, man. Was läuft da schief, warum ist das so? Eltern auf der Überholspur oder abhanden gekommen – wo? Was kommt, will keiner so ganz genau wissen, ist ja eh alles schon so besch…..
Und hier? Posten wir schöne Bilder von ländlichen Idyllen, die uns in verlogene Romantik hüllen. Jeder fährt Auto, kauft Schuhe im Online-Shop und träumt von Ferien in der Karibik. Als wär das Klima nur im Fernsehn und weg mit einem Off-Klick. Doch wenn ich sehe, wie der Wald stirbt, der See vertrocknet, die Störche verschwinden, man. Fahrt einfach aufs Land und schaut euch mal diese Seite an. Und wir könnten das auch mal auf Fotos zeigen, anstatt immer nur den Kopf vorm Sonnenuntergang zu verneigen.

Nicht Sorge trübte die Sphäre, nur Blühen, Grünen im Gras. So waren wir, was wir so gerne immer gewesen wären – leicht und unbeschwert. Kein Gestern, kein Morgen, so taumelten uns Seinsgleichen hin. Duftlau verführten die Nächte, nicht Schlaf nur Traum stellte sich ein. Tanzend umschwärmten wir Sterne, fassten wir Mut, wir selber zu sein – und wussten – schon bald würde kein Tag je wieder, würde kein Tag je wieder so sein. So versommern die Tage, es fliegt das Sein so gerade, so verdammt pfeilschnell voran. Und nur, um uns an trüben Tagen in nebulös Vergangenem zu wiegen, was dann – blass – Erinnerung heißt.