Der Abend schönt so schön auf, dass dunkles Denken geblendet verblasst. Mondschein sichelt silbern über den wogenden Wipfeln, denen der Wind unentwegt vom elenden Verzweifeln flüstert. Von Ferne, wo Gewalt den Tag zur Nacht macht und Frauen fliehen möchten vor ihren Verbrechern im eigenen Haus. Wo durch Krieg das schützende Dach zerbricht. Wo Kinder gequält ums Überleben kämpfen. Wo Mädchen verkauft wie Vieh.

Wie es gelingt, das Grauen zu ertragen (hier wie dort) im Sonnenuntergang, das allein weiß Gott ist jenes Vergessen, das uns streift, wenn sich der Abend aufschönt, blendet und Hoffnung schenkt auf ein besseres Morgen.

War das wirklich gut, was ich dachte, wie ich bin? Gehen wir langsam, sachte, unaufhaltsam nicht einfach irgendwo hin? Ist das der Plan oder bin ich am Set? Heute gehe ich einen Schritt zurück, morgen wachse ich über mich hinaus. Gestern starb ein Tier – morgen ich, wir. Wer geht zuerst, wer bestimmt? Nimm mich mit, du rasender Wind.

Oscar Wilde

Am Ende sehen wir klar, was war und was vermeidbar war. Doch wären wir jetzt am Ende, wäre das wirklich die Wende? Ein Anfang, dem angeblich ein Zauber inne, in jedem Abgang. Aber wohnt der nicht schon lange unter der Brücke im Wedding, wo Leben einfach endet und sich gar nichts wendet? Leben wie ein Pissestrahl im Schneematsch versickert und keiner glaubt, dass gut wird, was irrlichternd Lebensjahre verraucht? Nein, hier wird ein Ende niemals reiner Neubeginn im Engelsgewand, sondern zur Hölle fahren – schwarz natürlich.

Es sind so Momente, die sich plötzlich ergeben, die mich daran erinnern, wie wir jetzt leben und wie es mal war. Ich streif durch den Rewe und seh die Regale mit Lachs aus dem Nordmeer, die Mango aus Chile, Wein aus Sizilien und wo komm ich jetzt her? Aus ’nem Risikolandkreis, kein Verlassen mehr möglich, die Sehnsucht zu reisen ist dafür unsäglich. So steh ich vor Flaschen aus fernen Regionen und denke an all die Millionen, die so weit weg wie die Sterne da leben in dieser sonnigen Ferne. Stattdessen wander ich durch die Penny-, Netto-, Lidl-Gassen zur Melodie der Laserkassen. Und bevor ich mich hier komplett verliere, greif ich schnell zu – es sind französische Wochen – und kaufe sauteures Zeug zum Kochen. Dazu Pastis aus Marseille, Käse aus der Bourgogne, und ein frisches Baguette – mit all diesen Fremden wird der Abend dann doch noch ganz nett. Und ich höre Musik von den Komoren und ich träume von Weiten. Worüber ich fliege. Auch das kann Freude bereiten.

Warum nicht einfach nur leben? Lieben, lachen, schlafen und n i c h t weiter streben? Kinder wachsen lassen und nicht ständig Ziele ins Auge fassen. Stundenlang träumen, durch Serien zappen, langsam kochen und offiziell Wichtiges ganz einfach versäumen. Leben, um einfach zu s e i n, mit anderen oder allein. Im Flow der Zeit reisen ohne Sorgen – Angst vor Schulden, Haus, Auto und wie finanzier ich mein Morgen? Leben statt Konsum ohne Ende – der Traum vom Pool oder dem neuesten Phone fesselt nur Gedanken und Hände. Warum also nicht einfach nur leben? Nicht ständig nach Höherem streben?Im Job, der reicht, um das zu bezahlen, kommt man mit weniger Stress und Stunden über die Runden. Entspannt in jeden neuen Tag starten, genug Brot, ein warmer Herd, ein Dach, ein Bett –

Zeit, den Winterhimmel zu bewundern

einfach nicht mehr mehr erwarten.

Die Abende lösen sich in Luft auf, die Morgende im Nebel. Ich trete auf meinen Balkon, den ich nicht habe und mache Pläne, die es nicht gibt, weil Zukunft so ein großes Wort

ist.

Wo war ich, wie trieb es mich her, wann wird endlich gestern wieder morgen sein? Weil Zukunft so ein großes Wort ist. Weil ja, weil nichts mehr ist, wie es war. Wir Menschen verlieren und an Orte fliehen, die uns fremd. Wir uns sehen, wie wir mal waren, tanzend in einer Küche, nicht allein. Wann wird endlich gestern wieder morgen sein?

Wann wird gestern endlich wieder morgen sein? Das Klo ständig besetzt, weil viel zu viel Besuch den Sommer über wie im Winter. Große, kleine Kinder mit ihren Freunden, Verwandte in jeder Ecke der Wohnung eine Matratze, nach Partys auch mal Fremde über Nacht. Und wie wir feierten und wie ich mich oft sehnte.

Nach Ruhe.

Die ist jetzt da. Im Überfluss, und mir wird noch nicht schlecht davon. Aber nicht mehr lange, nicht mehr lange. Und deshalb, wann wird gestern wieder morgen sein? Das Rad zurückgedreht in Endlosschleife. So gehe ich los und greife glücklich nach jedem Moment, der gestern und morgen jetzt vereint. Denke nicht weiter daran, dass gestern morgen sein wird, denn heute ist jetzt der Sonnenaufgang, der komische Vogel im Gebüsch, das flüchtende Reh, die Pfütze aus geschmolzenem Schnee. Ich stehe auf der Brücke und schaue auf das schwarze Wasser und werfe Schnee hinein. Sehe wie er schmilzt und versinkt. Dies ist mein Gestern und mein Morgen. Und ich kann es kaum erwarten, dass der neue Tag wie der alte

graut.

Momentan

Erleben, wie andere leben, wie Leben ist ohne tägliches Einerlei – den Stillstand gecovert mit einem Berg Serienbrei. MUM Staffel 1 am Samstagmorgen, Staffel 2 zum Sonntagskaffee. Dazwischen 4 Blocks und Breaking News, was ist los mit meinem brain juice? Draußen die komplette Lähmung, drinnen nur noch Serienströmung. Auf dem Bildschirm poppen Menschen auf wie Seifenblasen, es ist Winter und draußen mäht nicht mal einer den Rasen. Keine Touris mit klirrenden Bierflaschen, die Rollkoffer rollen und auf dein Fensterbrett aschen. Was war’n das für Zeiten, als das alles live und on air war und jetzt ist das alles nur noch im Stream erlebbar. Das fremde Leben kommt aus der Dose, ansonsten da draußen? Tote Hose. Das nervt, das ätzt und am liebsten wär ich in Neuseeland, weil neulich im Guardian stand, dass die da chillen, kein Corona, Cafés offen und überall grillen. Am Strand liegt man eng wie Ölsardinen. Ach, wie war das schön an der Ostsee, in den Dünen. Überall Fleisch und Blut, das zu erinnern tut gut. Nun hängen wir am Online-Tropf der Fiktionen und zahlen Netflix, Amazon Prime und der GEZ Millionen, dass wir die Lockdown Tristesse um uns herum etwas vergessen. Mein 87-jähriger Vater schaut Rosenheime-Cops ohne Ende, und auch mein Akku-Stromverbrauch spricht Bände. Während ich das schreibe, kriege ich die Warnung. Nur noch 7 Prozent. Was soll ich gleich tun? Keine Ahnung. Geräte zum Glotzen gibt es genug, doch ich bin einfach nur müde und gut.

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