12. Mai 2022

Lebenslange Linien des Vergänglichen zeichnen Lebenslinien, die wir lieben, so zu sein, wie wir geworden nach kurzer lebenslanger Zeit.

Stumm vor Schreck im Angesicht gewaltiger Aggression spiegeln sich düstere Gedanken, die oft denen gelten, die im Weg auf unserem Weg, wo ein „Verschwinde“ hinter den Lippen lauert und kein „Bitte“, wo mordlüsternd ein Mensch den anderen überholt, wo wir was wollen um jeden Preis. So klaffen Abgründe hinter den Fassaden, die im Hate Speech ihren Anfang finden und im Kampf münden, wenn einer das Maul aufreißt und sich all der Müll ergießt und zu den Waffen führt. So sehen wir uns sanft atmend zu, bereit, endlich Blumen zu säen und mit unserer Wut der Liebe Untertan zu sein. Vielleicht ist es dafür aber schon zu spät.

Die Tage verschwinden, wenn es nur noch dunkelt. Verwischt, die Konturen so vieler Freimonsonndiensttage, Einkäufe am Abend, das Joghurt läuft auch schon wieder ab, Sterne schnuppen hinter Wolken, eine Krankheit wird zum Markkloß in dieser verschwommenen Suppe aus Weckerweckrufen, tröstenden Träumen, U-Bahnfahrten und gewärmtem Mittagessen, schnell gegessen. Trostlos verrinnt der Lebensbrei im Auge der Pandemie. Frühlingsblumen aus der Zucht künden den neuen Reigen des Vergessens an.

Schwamm der Zeit: Wie lange noch, wie lange noch soll ich dankbar sein?

Foto: Christoph Klopp

Der Friedhof lag da wie ausgestorben, ein kalter Wind pfiff durch die kahlen Bäume, die wie ausgehungert ihre Äste zum wolkenverhangenen Himmel streckten. Gerade eben noch hatte die Sonne ein wenig Wärme geschickt, doch jetzt war der Wolkendeckel wieder fest verschlossen und ich zitterte, als ich meinen Weg zwischen den Gräbern zu Mutter bahnte. Heidi Schäfer, seit über sechs Jahren tot, geschmückt von Heidekraut und rosa Alpenveilchen, die eine Gärtnerei angepflanzt hatte. Je nach Jahreszeit wurde der Bewuchs ausgetauscht. Was passierte mit den Pflanzen, wenn sie der Jahreszeit nicht mehr entsprachen? Ich schaute düster auf die Pflänzchen, die ich noch nie gemocht hatte und fand Heidis Grab zu rosa, als habe ein von der Genderdebatte gänzlich unberührtes Mädchen seinen Kindheitstraumklischee hier ausgelebt. Ob es ihr gefallen hätte? Mein Blick schweifte zum Nachbargrab, auf dem ein welker Strauß in einer Vase vor sich hin faulte. Außer diesem gab es nichts, was dem schwarzen Grabstein etwas von seiner Trostlosigkeit hätte nehmen können. Ich griff nach den verblühten Blumen und trug sie zum Abfallkorb neben der Kirche. Auf dem Weg sah ich noch mehr solcher fahlen, vernachlässigten Gräber und, ohne groß zu überlegen, buddelte ich wenig später ein paar Veilchen von Mutters Grab aus, um sie auf den benachbarten, ungeschmückten Gräbern zu verteilen. Hannah Popken, Uwe Dierks, Erika Wienand – sie alle hatten es verdient, Blumen zu bekommen, auch wenn ich sie nicht kannte.
Am nächsten Tag kam ich wieder, der Zustand des verlassen wirkenden Friedhofs hatte mir keine Ruhe gelassen. Beladen mit zwei Paletten Herbstastern schwärmte ich aus und verzierte die Gräber der Vergessenen. Überall leuchteten bald Farbtupfer, und der kleine Friedhof schien zum Leben zu erwachen. Die Sonne kam raus, letzte Hummeln flogen schwerfällig von Blume zu Blume, Amseln und Meisen sangen und ich betrachtete am Ende des Tages mein Werk. Niemand außer mir hatte in den Stunden meines Schaffens den Friedhof betreten und ich fragte mich, wo all die Angehörigen der Verstorbenen jetzt waren. Sicherlich auf dem Weg nach Hause, vielleicht nicht an diesem Ort, sondern weit weg. Vielleicht waren sie alle weggezogen und hatten nur ihre Toten hier gelassen, die einst ihre Eltern waren oder Tanten, Onkel. Liebende Menschen, die sie beschützt und ernährt hatten.
Ich wünschte mir an diesem späten Nachmittag, dass auch ich einmal hier begraben werden wollte. Und auch dann würde selten jemand kommen, um das Grab zu pflegen, denn meine Kinder wohnten weit weg. Ich wäre dann vielleicht nicht vergessen, aber ein Bewohner auf dem Friedhof der Verlassenen. Mit Grabpflege und Blumen, die ich nicht leiden kann.
Weinend stand ich an Mutters Grab.
Am nächsten Tag reiste ich ab.

Abends fing ich wie Fische sterbende Gedanken am Haken des vergehenden Tages, stumm meinen Worten winkend, die gesammelten so vieler Stunden, im See versinkend so bedeutungslos, nicht wie am Morgen, als noch das Neue Hoffnung versprach, jede Idee kostbar erstrahlend, über die im Untergang der Sonne niemand mehr spricht. Vorbei, vorbei. Ist nicht, was anbeißt und bleibt im letzten Licht der Gedanken Fang.